"Geld bleibt kein Männerthema"
24.08.2005: Die Vorsitzende des Finanzausschusses des Deutschen Bundestages, Christine Scheel, ist überzeugt, dass sich Frauen zunehmen selbst um ihre Finanzen kümmern werden.
Interview in Cash 9/2005
Cash: Studien belegen, dass in puncto Kapitalanlage und finanzielle Altersvorsorge Frauen im Schnitt schlechter unterrichtet sind als Männer. Sind und bleiben Finanzen in erster Linie ein Männerthema?
Scheel: Vielleicht sind es ja noch traditionelle Rollenmuster, die sich in diesen Studien niederschlagen. Aber egal ob Frau oder Mann, es gibt Informationsbedarf über die Notwendigkeit einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge. Darüber, wie hoch sie sein sollte und welche Vorsorgeprodukte für jeden Einzelnen wirklich geeignet sind. Frauen legen zunehmend Wert auf eine eigenständige Absicherung. Schon deshalb bleiben Finanzen mit Sicherheit keine Männerdomäne.
Cash: Sind Ihre Kolleginnen und Kollegen im Finanzausschuss auch über die genannten Defizite informiert?
Scheel: Ich denke, das ist bekannt. Die Abgeordneten im Finanzauschuss, quer durch die Parteien hindurch haben auch eine Informations- und Aufklärungsfunktion für die Öffentlichkeit. Gerade in den letzten beiden Wahlperioden haben wir sehr deutlich gemacht, dass zusätzliche private oder auch betriebliche Altersvorsorge wichtig ist. Wir haben mit der Riester-Rente und mit der neuen Rürup-Rente zwei Modelle beschlossen, die den Aufbau einer zusätzlichen privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge erleichtern.
Cash: Warum finden beide Modelle bisher noch nicht den Anklang, der erwartet wurde?
Scheel: Eine der Ursachen für die verhaltene Reaktion auf die geförderte private Altersvorsorge ist sicherlich, dass sie den individuellen Gestaltungsspielraum relativ stark einschränkt. Das schreckt in Zeiten hoher Anforderungen an die persönliche Flexibilität und zunehmend unsteter Erwerbsverläufe erst einmal ab.
Cash: Welche Möglichkeiten gibt es also sonst noch?
Die Grünen haben ein steuerlich gefördertes Altersvorsorgekonto konzipiert. Einzahlungen darauf sind bis zu 3.000 Euro pro Jahr steuerfrei, ebenso steuerfrei sind laufende Erträge. Bei Entnahme muss dann aber voll versteuert werden.
Cash: Für welche Produkte soll das gelten?
Scheel: Worin konkret gespart werden soll, entscheiden allein der Sparer und sein Finanzdienstleister. Das grüne Altersvorsorgekonto lässt sich sehr flexibel den jeweiligen Lebensumständen anpassen und setzt einen hohen Anreiz erst im Alter zu "entsparen". In aktiven Zeiten wäre die steuerliche Belastung höher. Dieses Modell ist auch gerade für Frauen attraktiv, wenn sie etwa in einer Familienphase nur wenig für den Ruhestand zurücklegen können.
Cash: Wie sind ihre Erfahrungen als Vertrauensfrau bei Schwäbisch Hall hinsichtlich der weiblichen Einstellung zur Immobilie als Altersvorsorge?
Scheel: Immobilien, insbesondere das eigene "Häuschen" sind hierzulande immer noch die Altersvorsorge Nummer Eins. Ich gehe davon aus, dass die Geschlechter sich dabei nicht sonderlich unterscheiden. Denn die Anlage in Immobilien erscheint immer noch relativ sicher.
Cash: Welche Alternativen gibt es unter dem Sicherheitsaspekt?
Scheel: Auch das Sparen in offene Immobilienfonds ist diesbezüglich beliebt. Sobald die so genannten Real Estate Investment Trusts (Reits) in den deutschen Kapitalmarkt integriert sind, gäbe es eine weitere attraktive Sparmöglichkeit in Immobilien.
Cash: Engagieren Sie sich als Trägerin mehrerer Mittelstandspreise auch für mittelständische Finanzvertriebe, die Anlageberatung explizit für die weibliche Zielgruppe anbieten?
Scheel: Ich setze mich dafür ein, dass mittelständische Betriebe auf ein faires Wettbewerbsumfeld treffen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben in den letzten Jahren dynamischer Arbeitsplätze geschaffen. Und ich finde es richtig, Anlageberatung stärker auf die weibliche Zielgruppe auszurichten. Denn ich kann mir vorstellen, dass sich Frauen davon mehr angesprochen fühlen.
Cash: Welches Potenzial sehen Sie in der Finanzbranche speziell für die Zielgruppe Frauen?
Scheel: Das Thema eigenständige Altersvorsorge wird für Frauen in Zukunft selbstverständlich sein. Viele Frauen schaffen es, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie wollen einen eigenen Berufsweg gehen, ein eigenes Einkommen erzielen und legen dann auch großen Wert auf eine individuelle Altersvorsorge.
Cash: Meinen Sie, dass spezielle Frauenprodukte sinnvoll und notwendig sind?
Scheel: Da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, es geht insgesamt stärker in Richtung einer individuellen, flexiblen Lösung für die Altersvorsorge sowohl von Frauen als auch von Männern.
Das Gespräch führte Manila Baruschke, Cash.





