20 Jahre Katastrophe von Tschernobyl

Liebe Freundinnen und Freunde, Atomkraftgegner und solche die es vielleicht jetzt geworden sind,

wir haben uns hier getroffen, weil wir alle sehr betroffen sind von der Atomkatastrophe in Tschernobyl und weil dadurch ein unbeschwertes Leben kaum mehr möglich ist. Wir sollten aber nicht nur betroffen und traurig sein, sondern auch wütend.

Natürlich trifft die Anschuldigung nicht informiert zu haben, und auch abgelenkt und irregeführt zu haben, zu allererst die Kreml-Fürsten. Ihre Weigerung, die Welt und auch die eigene Bevölkerung über das Ausmaß der Katastrophe zu informieren, ist an Skrupellosigkeit und Ignoranz gegenüber dem Leid der Opfer nicht zu überbieten.

Verlogen und doppelzüngig ist dennoch auch die regierungsamtliche Empörung in Bonn, Washington und anderswo. Auch im Westen gilt die Sorge nicht zuerst den möglichen Strahlenopfern. Als erstes bereitet den verschiedenen Krisenrunden folgendes Kopfzerbrechen: Wie stellt man die Bevölkerung ruhig. Verharmlosen, Beschwichtigen, ja sogar das Verhängen einer Nachrichtensperre über die gemessenen Strahlenwerte sollte verhindern, dass eine öffentliche Debatte ausbricht über die gesundheitlichen Folgen der angeblich geringfügig erhöhten Radioaktivität.

Ich bin froh, daß ihnen dies nicht gelungen ist, denn die Diskussion wird sehr wohl jetzt geführt. Die Informationspolitik Zimmermanns hat zu erheblichen Irritationen und Unsicherheiten geführt. Anfänglich beschwichtigende Festsstellungen, dass für die BRD keine Gefahr bestehe, standen im Widerspruch zu den empfohlenen Verhaltensmaßregeln. Mal durften die Kinder Milch trinken und im Sand spielen, mal durften sie es nicht, weil keinerlei Gefahr bestünde. Ebenso war es doch mit den anderen vorgetragenen Maßnahmen.

Wir sollten (wie Robert Jungk sagte) einsehen, "Das radioaktive Teilchen nicht die einzigen Nebenprodukte der Atomspaltung sind. Die anderen sind die Lügen, die von niemandem so sehr und in so vielfältiger Form verbreitet werden, wie von den Betreibern und Unterstützern der Kernkraft-Industrie."

Vor ca. 4 Wochen hat ein Atomwaffenversuch in Nevada durch einen Zwischenfall zu einer gefährlichen Verseuchung geführt. Dies bewegt sich zwar in einer anderen Größenordnung als Tschernobyl, aber es mindert nicht die Scheinheiligkeit westlicher Politiker, wenn sie die Informationspolitik des Ostens kritisieren und gleichzeitig das lebensbedrohende Versagen der Technik im eigenen Land nur unter Druck zugeben. Es wäre wohl nicht zwingend gewesen, die UdSSR zu informieren, wohl aber die Betroffenen, die Bewohner des Wüstenstaates und die Aktivisten der US-Friedensgruppen, die sich aus Protest auf dem Gelände aufgehalten haben.

Glauben Sie, wir wären informiert worden, und zwar unverzüglich, wenn dieses Unglück größere Ausmaße gehabt hätte?

Wir erleben zur Zeit zwei Volksverdummungen: eine im Osten und eine im Westen. Das hat seine Gründe: Die Staaten führen eine Konkurrenzschlacht um Wachstumsraten, in der die 374 Atomkraftwerke in 26 Staaten ihren festen Platz haben. So wurden die Überlebenden von Hiroshima nicht vor den Folgen der radioaktiven Verstrahlung gewarnt. In den ersten Tagen und Wochen nach der Katastrophe wurde ihnen verschwiegen, dass ihre verzweifelte Suche in den Trümmern sie in absehbarer Zeit krank machen und töten würde. Nicht anders erging es den Einwohnern der Mashall-Inseln, die Opfer des "fall-out" des größten aller amerikanischer Bombentests wurden. Weder wurden sie informiert, dass Land und Wasser schwer radioaktiv verseucht waren, noch wurden in der Nähe befindliche Schiffe zur Evakuierung der Hochgefährdeten eingesetzt.

Doch die Katastrophe in Tschernobyl ist wohl die bisher größte in der Geschichte der Atomindustrie. Nach den Strahlenschäden durch das Unglück in Harrisburg, nach dem Unfall in Windscale mit furchtbaren Folgen und nicht zu vergessen, nach den vielfältigen biologischen Schäden, die durch die Atomanlagen insgesamt verursacht wurden und zurzeit auch noch verursacht werden. Durch den künstlichen Spaltungsprozess werden eine ganze Reihe radioaktiver Substanzen erzeugt, die in der Natur nicht existieren. Sie verteilen sich in der Luft, im Wasser und in der Nahrung und werden so dem menschlichen Körper zugeführt.

Für unseren Bundeskanzler H. Kohl wie auch für den bayerischen Atomminister F.J.Strauß hat sich die Atomenergie als sicher, preisgünstig und umweltschonend bewährt. Doch für Herrn Kohl und Herrn Strauß stehen bei der Formulierung der hochgesteckten atompolitischen Ziele nicht etwa das Interesse an einer ergiebigen, umweltfreundlichen und billigen Energie im Vordergrund. Es stehen die Absatz- und Verwertungsinteressen und insbesondere die Monopolabsicherung der westdeutschen und internationalen Atomindustrie an erster Stelle.

Wenn F.J.Strauß ein Plädoyer für die Atomenergie hält, meint er nicht etwa unsere Gesundheit, die erhalten werden muss. Er meint Profitsicherungsmaßnahmen und marktbeherrschende Stellungen. Die Atomlobby peilte ein Geschäft an. Je mehr hochgefährliche und langlebige Radioaktivität erzeugt wird, desto zwingender werden weitere Kapitalinvestitionen, um den Brennstoff-Kreislauf zu sicher. Den Leichtwasserreaktoren folgen Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente samt dem erforderlichen Fuhrpark. Die Wiederaufbereitungsanlage war nun die nächste logische Konsequenz. Doch für die Herren Riesenhuber und Zimmermann und viele mehr sind bundesdeutsche Anlagen unproblematisch und sicher.

Wie kommt es denn, Herr Zimmermann, daß in bundesdeutschen Reaktoren alle 3 Tage ein Störfall eintritt, wovon einige schlimme Konsequenzen nach sich zogen? Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen gibt es bei uns nicht. Wie kommt es dann Herr Kohl und alle Atomgläubigen, daß westliche Experten noch 1983 die Besonderheiten und Sicherheitsvorkehrungen für den jetzt in Tschernobyl betroffenen Reaktortyp ausführlich als verlässlich und sicher tituliert haben? Nachzulesen im Fachblatt des Dt. Atomforums vom Dez. 83.

Wie kommt es dann ihr hohen Politiker der CDU/CSU und auch bis vor kurzem noch der SPD, daß bei unseren so sicheren Anlagen Standorte in dünn besiedelten Gebieten gewählt werden. Wie kommt es, daß Katastrophenschutzpläne und Evakuierungspläne aufgestellt werden - natürlich streng geheim und unter Verschluss. Grund für die Zurückhaltung ist wohl auch die Angst, Bürger könnten, wenn sie damit vertraut wären, zu Atomkraftgegnern werden. Die hohen Herren sollten doch einmal bei der Wahrheit bleiben.

Tschernobyl bewies zwei Dinge: 1. gibt es nirgendwo wirksame Katastrophenschutzpläne; 2. kann es gegen die durch solche Katastrophen ausgelöste Strahlung langfristig gar keinen Schutz geben. Die akuten Gefahren sind tatsächlich in diesem Fall kaum gegeben: niemand von uns wird in den nächsten Tagen oder Wochen an der Strahlung sterben. Da aber die radioaktive Strahlung jeder Art in Eiweißketten in unserem Körper chemische Reaktionen hervorruft und sich zudem potenziert, vermehrt und anreichert, kommen die Schäden später.

Zu ihrer Beruhigung Frau Süssmuth, sie werden erst dann auftreten, wenn es einem Arbeiter, einem Arbeitslosen, einer Angestellten oder einer Sekretärin finanziell nicht möglich sein wird, eine Klage durchzuziehen, bei der die Zusammenhänge ins Licht gerückt werden. Wer wird in 15 - 20 Jahren an Tschernobyl denken? Was wird bis dahin passiert sein, ausgelöst durch die radioaktiven Bemühungen der BRD-Atomlobby. Wer wird klären, woher unsere Missbildungen, unser mutierten Viecher, unsere krebskranken Kinder, unsere Krebserkrankungen überhaupt kommen???

Wer denkt heute noch daran, wenn er hört, daß jeder 5. an Krebs stirbt, daß es Hiroshima gab und wer denkt an die 2 toten Arbeiter im AKW Grundremmingen. Untersuchungen von Wissenschaftlern der Uni Bremen recherchierten am Unfallort und stellten fest, dass im Kraftwerk die Strahlenbelastung um 100% über jenen ohnehin erhöhten Pegelstand gestiegen war, der nach dem Abschalten des Reaktors immer eintritt.

Doch Bayern hält weiter am Bau der WAA fest. Auch Politiker aus unserer Stadt/Landkreis wollen diesen Wahnsinn. Strauß warnt vor dem Hexenprozess gegen die Atomenergie. Und Umweltminister Dick sah für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt Gefahr und appelliert an die Bürger den amtlichen Messdaten zu vertrauen. Doch die Mitteilungen der Behörden waren geprägt von Verharmlosung, Vertuschung und einem unübersichtlichen Chaos an unterschiedlichen Werten und Daten.

Für uns dürfte als Konsequenz nicht mehr der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kerntechnik stehen. Dieser Glaube erweist sich für immer mehr Menschen als Irrglaube. Niemand kann heute mehr verantwortlich für den Betrieb von Kernkraftwerken eintreten. Es ist von sehr vielen auch in der Kernforschung noch aktiven Wissenschaftlern durch Zahlenwerke belegt, daß uns bei der sofortigen Abschaltung (etwa ½ Jahr) keine Glühbirne ausgehen wird und auch nicht unsere Wirtschaft zusammen brechen würde. Was alleine fehlt, ist der politische Wille dazu!!!

Wenn einer auf die Forderung, alle AKWs in der BRD abzuschalten und den Ausstieg aus der Kernenergie einzuleiten antwortet, dass es ein Restrisiko immer geben wird, kann man ihm eigentlich nur antworten: ja, eben. Oder will er nach einem GAU die Folgen mindern, indem er sagt (falls er´s noch kann): Aber dieses Unglück war absolut unwahrscheinlich. Wir müssen zusehen, daß der politische Wille geschaffen wird und dies geht nur durch einen massiven Druck von uns allen.

Darum sagen wir Atomkraft und Atombomben NEIN DANKE

Keine WAA in Wackersdorf und anderswo.

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